Ascanio in Alba
KV 111
Festa teatrale in zwei Teilen
Libretto von Giuseppe Parini
Klavierauszug auf der Basis des Urtextes der New Mozart Edition von Karl-Heinz Müller
Deutsche Übersetzung von Peter Brenner
BA 4504a
Vorwort
Der Auftrag, für die Feierlichkeiten der im Oktober 1771 in Mailand geplante Hochzeit des 17jährigen Erzherzogs Ferdinand, dritter Sohn von Kaiserin Maria Theresia, mit der Prinzessin Maria Beatrix d'Este, der einzigen Tochter des Fürsten von Modena, eine „Serenata Teatrale“ zu komponieren, erreichte Mozart und seinen Vater im März 1771 auf der Rückkehr von ihrer ersten großen Italienreise nach Salzburg. „Gestern habe Briefe aus Mayland erhalten, der mir ein Schreiben v Wienn ankündigte. So in Slzb: erhalten werde, und das euch in Verwunderung setzen wird, unserm Sohne aber eine unsterbliche Ehre macht.“ Der Anlass für den Auftrag war hochpolitischer Natur, denn das Haus Habsburg hatte es in seiner langen Geschichte immer wieder verstanden, Macht- und Expansionspolitik mittels Klug disponierter Heiratspolitik zu betreiben:
Bella gerant aliis, tu felix Austria nube! / Quae dat Mars aliis, dat tibi Regna Vernus
lautet ein vielzitiertes Distichon; so auch hier: durch die Heirat des Kaisersohnes mit der Tochter aus einem der einflussreichsten oberitalienischen Fürstenhäuser glaubte der Wiener Hof, Macht und Einfluss in Italien auf eine solide Grundlage zu stellen.
Anlässlich dieser jahrelang sorgsam vorbereiteten Hochzeit sollten unter anderem auch zwei Bühnenwerke zur festlichen Aufführung kommen, eine „Opera seria“ - Johann Adolf Hasses „Il Ruggiero“ - und eine „Serenata teatrale“, sonst als Einlage in größere Bühnenwerke gedacht, die zu dieser Gelegenheit aber einen eigenen Festspielabend füllen sollte, „Ascanio in Alba“. Den Auftrag zur Komposition der Serenata an den 15jährigen Mozart, der allerdings kurz zuvor mit der Aufführung seiner Opera seria „Mitridate“ KV 87 (74a) am 26. Dezember 1770 in Mailand außerordentlich erfolgreich war, mag der den Mozarts wohlgesonnene und einflussreiche Karl Josef Graf Firmian vermittelt haben.
Als Textdichter für „Ascanio in Alba“ wurder der seinerzeit berühmte italienische Dichter Guiseppe Parini (1729-1799) gewonnen. Da es bei einem „politischen“ Werk dieser Art weniger darauf ankam, originell zu sein, als der besonderen Situation gerecht zu werden un mit Huldigungen an die Beteiligten nicht zu sparen, erfand Parini einen in seiner Substanz einigermaßen simplen Handlungsfaden, indem er den konkreten Anlass – die Hochzeit – in eine idyllische Ideallandschaft verlegte und die Bühne mit allerlei Gestalten aus der antiken Mythologie bevölkerte, aber so, dass Bezüge zu den konkret Beteiligten der Hochzeit jederzeit mühelos hergestellt werden konnten: Venus/Maria Theresia will ihren Sohn Ascanio/Ferdinand mit der Nymphe Silvia/Maria Beatrix verheiraten, ein nicht ganz risikoloses Unterfangen, da sich die beiden – auf der Bühne wie im wirklichen Leben – zuvor noch niemals gesehen hatten, doch die Sache nimmt, wie nicht anders zu erwarten, einen guten Ausgang.
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Natürlich reicht die Handlung für ein abendfüllendes Festspiel nicht aus, und so hat Parini noch einige weitere Figuren hinzu erfunden, Priester, Hirten, Grazien, Genien und Amoretten, und vor allem der Handlung dadurch ein gewisses dramatisches Element eingewoben, als das Paar (auf der Bühne) vor seiner Vereinigung eine Art Liebes- und Tugenprobe zu bestehen hat.
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Insgesamt hat sich Parini mit seiner Dichtung erstaunlich viel Zeit gelassen. Am 24. August 1771 schreibt Leopold Mozart aus Mailand nach Salzburg: „Ich muß dir sagen, daß die Poesie von Wienn noch nicht angelanget ist. Man erwartet sie mit entsetzlicher Begierde“; erste Ende August hat Mozart das Libretto in Händen, komponiert auch gleich die Ouvertüre, doch erfuhr die Arbeit eine Unterbrechung, weil Parini noch Änderungen vorzunehmen hatte, so dass Mozart erst ab etwa dem 5. September mit der Hauptarbeit beginnen konnte. Das muss in einem erstaunlichen Tempo geschehen sein, denn am 13. September schreibt Leopold, Wolfgang werde „mit der Hülfe Gottes in zwölf Tagen völlig fertig“ sein. Die erste Aufführung fand am 17. Oktober 1771 statt und erntete großen Beifall: „Kurz! Mir ist Leid, die Serenata des Wolfg: hat die opera von Hasse so niedergeschlagen, daß ich es nicht beschreiben kann.“ Insgesamt wurde das Werk fünfmal gegeben, stets mit großem Beifall, der sich zuweilen zu wahren Ovationen steigerte.
Das Werk hält einige Besonderheiten bereit, auf die hier in aller Kürze eingegangen sei. Sie betreffen die Ouvertüre und den „Ballo“, die Tanzeinlage zwischen den beiden Teilen.
Mozart hat für „Ascanio in Alba“ die für die Zeit typische italienische Opern-Sinfonia, die in der Regel aus drei nicht allzu langen Orchesterstücken in der Reihenfolge schnell-langsam-schnell besteht, in charakteristischer Weise abgewandelt. Dass dies etwas Besonderes war, geht schon daraus hervor, dass Leopold Mozart sich die Mühe macht, diese „overtura“ seiner Frau exakt zu beschreiben: „der Wolfg: hat aber noch nichts als die overtura gemacht, nämlich ein etwas Langeres Allegro, dann eine Andante, welches gleich muß gedanzt werden aber nur mit wenigen Personen, dann anstatt dem letzten allegro hat er eine Art von Contradance und Chor gemacht, so zu gleich gesungen und gedanzt wird.“
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Wir sind geneigt, in der Abwandlung der Ouvertüre einen Geniestreich des 15jährigen zu erblicken: Die Form wird verändert, indem sie den Besonderheiten der literarischen Vorlage angepasst wird, aber so, dass die alte, den Zuhörern bekannte Anlage noch spürbar durchscheint.
Parinis Libretto sieht zwischen den beiden Teilen [...] einen „breve ballo“, also einen kurzen Tanz vor. Wohl, weil es sich nur um eine vergleichsweise kurze Tanzeinlage handeln sollte, musste Mozart sie selbst komponieren, was ansonsten nicht üblich war: Aufträge für Ballettmusiken wurden in der Regel an Komponisten niederen Ranges erteilt. Dieser Ballo aus „Ascanio in Alba“ galt lange Zeit als verschollen. Mozarts Partitur-Autograph ist lediglich die Basso-Stimme eines Ballo, die nicht von Mozart geschrieben ist, beigebunden. 1964 hat Wolfgang Plath jedoch den Beweis geführt, dass die als „9 kleine Klavierstücke“ KV Anh. 207 (Anh. C. 27.06) bekannten Kompositionen ganz offensichtlich Klavierauszüge der Ballettmusik aus „Ascanio in Alba“ darstellen. Zwar stimmen nur zwei der Klavierstücke mit denen in der nicht-autographen Basso-Stimme überein, doch hat Plath überzeugend nachgewiesen, dass die Klavierstücke KV Anh. 207 offenbar eine spätere, überarbeitete Version der Ballettmusik repräsentieren. Da Plaths Hypothesen bislang nicht widerlegt sind, ihnen nicht einmal widersprochen worden ist, werden die Klavierstücke in den vorliegenden Klavierauszug als Zwischenaktmusik aufgenommen.
Dietrich Berke
Zierenberg, August 2002