Vorwort

Die vorliegende Sammlung enthält eine Auswahl der spieltechnisch leichten Klavierstücke und Tänze von Erik Satie. Das Mosaik abwechslungsreicher, teilweise auch überraschender Miniaturen mit Witz und Charme möchte das Literaturangebot für den Klavierunterricht bereichern. Herausgeberzutaten im Notentext sind gekennzeichnet. Die sparsamen Fingersätze von Annette Töpel verstehen sich gleichermaßen als Spielhilfe wie auch als Anregung. Eine Besonderheit sind die ungewöhnlichen, von Satie erfundenen Spielanweisungen und die kuriosen Geschichten im Notentext zahlreicher Stücke, manchmal werden von diesen Geschichten nur wenige Stichwörter verraten. Grete Wehmeyer verweist in ihrem Standardwerk über Erik Satie* auf das Kabarettchanson und auf die programmatischen Stücke speziell der französischen Clavecinisten (z.B. Rameau und Couperin) als historische Vorbilder dieser Klavierstücke mit Texten; auch auf die spezielle Art ihrer Notation ohne Taktstriche und Doppelstrich am Schluß geht sie ein: ”Obwohl Satie ursprünglich in Anlehnung an die mittelalterliche Musik die Einteilung mit Taktstrichen aufgegeben hatte, liegt in den Klavierstücken eher ein optisch-ästhetischer Grund vor.” (S. 293) Wie sollen diese ”Stücke mit Stories” aufgeführt werden? Satie selbst gibt hierzu eine klare Anweisung:
”Für jedermann. Ich verbiete das laute Lesen während des musikalischen Vortrags. Jede Zuwiderhandlung würde meine gerechte Entrüstung über den Vermessenen hervorrufen. Eine Umgehung des Rechtsweges wäre ausgeschlossen.” (aus: Heures Séculaires & Instantanées, [Jahrhundert- & Augenblicksstunden]) Es empfiehlt sich, auch die Hörer mit der jeweiligen Story bekanntzumachen; will man Saties Verbot beachten, so bleibt z.B. als Lösung der Textabdruck auf einem Programmzettel oder eine Textrezitation vor dem Spielen. Leider geht auf diese Weise die aus dem Notentext eindeutig ablesbare Zuordnung der Textteile zur Musik verloren. Ideal wäre eine Aufführung, bei der wie im Film der Text im rechten Moment als Untertitel eingeblendet wird.

Anmerkungen zu einzelnen Werken:

Nr. 2: Der Titel Berceuse stammt aus der posthumen Erstveröffentlichung; dort erscheint dieses Stück als Nr. 2 der Trois nouvelles enfantines.

Nr. 3: Dieses nicht datierbare Stück hat Satie vermutlich als Satzübung verstanden (der Titel Exercice wurde aus der posthumen Erstausgabe übernommen); es stammt aus einem Skizzenbuch mit Eintragungen aus den Jahren 1899-1913.

Nr. 5: Songe-Creux entstand in der Phase zwischen 1906 und 1913, es wurde zusammen mit anderen Kompositionen aus diesem Zeitraum posthum veröffentlicht.

Nr. 6: Le bain de mer ist dem berühmten Zyklus Sports et Divertissements entnommen; Satie hat diese Klavierminiaturen mit Stories zu pastellfarbigen Zeichnungen von Charles Martin komponiert und damit eine Korrespondenz zwischen Malerei, Textdichtung und Musik auf kleinstem Raum geschaffen. In der Erstausgabe wurde Saties eindrucksvolle Kalligraphie mit schwarzen Noten auf roten Liniensystemen faksimiliert wiedergegeben.

Nr. 7: Der Titel Caresse (Liebkosung, ”Streicheleinheit”) ist nicht original; er stammt aus der posthumen Erstausgabe.

Nr. 9: Seul à la maison (Allein zu Hause) ist der Mittelsatz eines – wie so oft bei Satie – dreiteiligen Zyklus‘ mit dem ironischen Titel Véritables Préludes flasques (pour un chien) (Wahrhaft schlaffe Präludien [für einen Hund]). Ein Hundeleben, wenn man als Vierbeiner allein zu Haus bleiben muß! In der skurrilen Außenhaut verbirgt sich bei Satie mitunter ein durchaus ernster, aber stets ein ernstzunehmender Inhalt.

Nr. 15: Gymnopédie. Gymnopedien wurden die Tänze im antiken Sparta genannt, die die Jünglinge zu Ehren der Götter Diana und Apollo beim Gedenken der Schlacht von Thyrea ausführten. Satie war von dem Klang des Wortes Gymnopédie so fasziniert, daß es für ihn schon eine Weile vor der eigentlichen Komposition als Titel feststand; außerdem bezeichnete er sich damals scherzhaft als ”Gymnopedist”.

Nr. 16: Gnossienne. Dieses Stück sympathisiert – wie auch Nr. 15 - mit dem Style nèo-grec (eine antikisierende Strömung in der Literatur und Architektur der damaligen Zeit). Die Melodik dieses Stücks benutzt eine spezielle Tonleiter, die mit ihren übermäßigen Sekunden der altgriechisch-chromatischen Tonleiter entspricht. Der Titel geht möglicherweise auf kultische Tänze in der Stadt Knossos (lat. Gnosus) zurück; möglicherweise bezieht sich Satie aber auch auf die Gnosis (franz. gnose), eine frühchristliche Philosophierichtung.

Nr. 17: Sonatine bureaucratique. Saties einzige Sonatine ist eine köstliche Parodie auf Muzio Clementis Sonatine op. 36 Nr. 1 (sie erscheint zum Vergleich auf S. 30ff.). Die Motive und Themen sind keine wörtlichen Zitate, sondern lehnen sich nur an, dabei sind sie so formuliert, daß ihre Herkunft stets offenkundig ist: Satie leiht sich Clementis Brille aus. Die Story karikiert den spießigen kleinen Bürokraten, der vom beruflichen Aufstieg träumt und dabei nicht den traurigen Klängen eines klavierübenden Mitmenschen entfliehen kann. Natürlich wird gerade Clementi geübt – offensichtlich mit begrenztem Erfolg...

* Grete Wehmeyer, Erik Satie, Gustav Bosse Verlag, Kassel, Überarbeitete Neuauflage 1997

Michael Töpel