Vorwort

Die vorliegende Sammlung enthält eine Auswahl der spieltechnisch leichtesten Klavierstücke und Tänze von Claude Debussy. Das Mosaik abwechslungsreicher Werke möchte vor allem das Literaturangebot für den Klavierunterricht bereichern. Herausgeberzutaten im Notentext sind gekennzeichnet. Die sparsamen Fingersätze verstehen sich gleichermaßen als Spielhilfe wie auch als Anregung.

1. The little Negro: Ein stilisierter Cakewalk mit synkopierten Rhythmen in der Art des Ragtime; der Cakewalk, ein lebhafter Tanz der Schwarzen in Nordamerika, kam um 1870 auf und verbreitete sich um 1900 auch in Europa als Bühnen- und Schautanz. Debussy schrieb dieses kleine Stück für die Klavierschule von Théodore Lack, für die seinerzeit zahlreiche Komponisten Beiträge geliefert haben.

2. The little shepherd: Diese Miniatur zeichnet die Szenerie eines Hirten, der auf seiner Schalmei eine Melodie improvisiert. Das Stück stammt aus dem Zyklus Children's Corner, den Debussy für seine Tochter komponiert hat; das Titelblatt trägt folgende Widmung: "Für meine liebe kleine Chouchou mit allen zärtlichen Entschuldigungen für das, was folgt..." Und es folgen Stücke, von denen die meisten für Chouchous Kinderhände sicherlich noch nicht zu bewältigen waren.

3. Danse de la poupée: Der Puppentanz stammt aus dem Ballett für Kinder La Boîte à Joujoux (Die Spielzeugschachtel); das Ballett handelt von Spielzeugfiguren in einer alten Schachtel, die lebendig werden und mancherlei miteinander erleben. - Takt 31ff. und 73ff.: Die weitgriffige Begleitfigur kann durch vorsichtigen Pedalgebrauch leichter ausgeführt werden; unmittelbar nach dem beendeten Staccato-Anschlag auf dem zweiten Viertel wird das rechte Pedal heruntergetreten und gleichzeitig mit dem Anschlag auf dem 3. Viertel wieder losgelassen.

4. Danse bohémienne: Die früheste erhaltene Klavierkomposition des neunzehnjährigen Debussy ist während eines Rußlandaufenthaltes im Hause von Peter Tschaikowskys Gönnerin und Freundin Nadeshda von Meck entstanden.

5. Clair de lune: Diese poetische "Mondscheinmusik" ist vermutlich durch das gleichnamige Gedicht von Paul Verlaine inspiriert worden; dieses Gedicht hat Debussy übrigens auch für Gesang und Klavier vertont. Aus einer Wendung in der ersten Gedichtstrophe ("...masques et bergamasques") hat Debussy wahrscheinlich den Titel seiner Suite bergamasque, der Clair de lune entnommen ist, abgeleitet; möglicherweise ist der Titel der Suite eine Anspielung auf die im italienischen Bergamo beheimateten Maskenspiele der Commedia dell'arte.

6. Page d'album: Das walzerartige Albumblatt entstand im Ersten Weltkrieg aus Anlaß einer Manuskriptversteigerung für karitative Zwecke der wohltätigen Organisation Le Vêtement du Blessé.

7. Rêverie: In Takt 48 der Träumerei geht die Hauptstimme von der linken Hand wieder in die rechte über (die hinzugefügte Linie verdeutlicht dies). - Takt 80: Der links gespielte Melodieton c'' sollte am Ende des Taktes von der rechten Hand übernommen und gehalten werden, damit dieser Ton beim Pedalwechsel zu Beginn von Takt 81 nicht verkürzt und die Melodie unterbrochen wird.

8. Arabesque: Der Titel dieses frühen Werkes, welches zusammen mit einem Schwesterstück veröffentlicht wurde, könnte eine Art Motto für die Musik Debussys abgeben: das Schwerelose, Wellenartige, das Ornamental-Schwingende gehört zu ihren Charakteristika.

9. Élégie: Am Ende seines Schaffens, inmitten der deprimierenden Zeit des Ersten Weltkriegs, schrieb Debussy diese Klavierskizze mit einer rätselvollen Aura und voll harmonischer Herbheit.

10. Prélude (... Canope): Kanopen heißen die vier Graburnen, in denen im alten Ägypten die Eingeweide des einbalsamierten Körpers neben dem Sarg beigesetzt wurden; Debussy selbst besaß nachweislich zwei derartige Gefäße.

Michael Töpel