„Ein Kosmos der Genialität“

Ulrich Schreiber, Autor des »Opernführers für Fortgeschrittene«, im Gespräch über Mozart


Herr Schreiber, wie haben Sie Mozart kennen gelernt? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?

Natürlich gab es schockhafte Momente früher Bestürzung, die Sterbeszene des Komturs in „Don Giovanni“ oder Dinu Lipattis Spiel der Klaviersonate a-Moll, aber ebenso wichtig wie Schlüsselerlebnisse ist die kleinteilige, lebenslange Annäherung an diesen Kosmos der Genialität.

Im Musikprogramm der Büchergilde finden sich neben der „Hochzeit des Figaro“ noch Streichquartette, Klaviersonaten und Oboenkonzerte. Was macht Mozarts Multitalent aus?

Seine Fähigkeit, in allen Musikgenres die Abfolge der Töne jenseits fester Formverläufe zu einer sinngebenden Klangsprache zu entwickeln.

Ein Kapitel in Ihrem Opernführer heißt „Mozart oder die gelungene Quadratur des Kreises“. Was hat Mozart für die Oper geleistet?

Genau das gerade für andere Gattungen Erwähnte: Er hat etwa mit Gestaltungsmitteln der klassischen Symphonie in der Oper eine musikalische Humansprachlichkeit und damit eine zuvor unbekannte Tiefendimension auch im emotionalen Bereich geschaffen. Wie nebenbei hat er dann das Beste aus der Musik seiner Zeit in Italien und Frankreich zu einer Einheit verschmolzen und dazu noch einen spezifisch deutsch-österreichischen Tonfall („Entführung“, „Zauberflöte“) in die Musik gebracht. Mozarts Tragik besteht darin, dass er mit seiner Weltmusik gegen Ende seines Lebens im Wien seiner Zeit ein nicht nur geistig Heimatloser wurde.

War Mozart denn der Höhepunkt der Operngeschichte?

Zumindest für die ersten zwei Jahrhunderte der Gattungsgeschichte.

Gibt es ein Stück oder Werk Mozarts, das Sie besonders lieben?

Auch bei Mozart steckt der liebe Gott in den Details. Peter Shaffer zum Beispiel hat in seinem weitgehend fiktiven Erfolgsstück „Amadeus“ beschrieben, wie der damals berühmte kaiserliche Hofkomponist Antonio Salieri in Wien erstmals Musik von Mozart hört. Er empfindet den Anfang des Adagios aus der Großen Bläserpartita KV 361 wie Klänge aus einer rostigen Quetschkommode, die ihm aber zugleich als göttlich vorkommen. Da wird schlagartig deutlich, dass einem Vertreter des nicht nur musikalischen Ancien régime wie Salieri die Musik Mozarts wie umstürzlerische Luft von anderem Planeten erschien. Solche Erfahrungen, dass Mozarts Musik zeitbedingte Wertigkeiten verschiebt, kann man immer wieder machen. Nehmen Sie den Osmin in der „Entführung“: einen bigotten und brutalen Haremswächter, dem Mozart im Auftrittslied einen differenzierten Musikreichtum mitgibt, neben dem Sarastro als Apostel machtgeschützter Humanität in der „Zauberflöte“ wie ein Salbader wirkt. Oder nehmen Sie die großen Finali aus der „Hochzeit des Figaro“ (II. und IV. Akt), wo Mozart das singende Personal durch seine musikalische Behandlung zuerst zu einem Klassenkampf am Ende des 18. Jahrhunderts aufstellt und am Ende allen Jubelrufen im Text zum Trotz schon zum Geschlechterkampf des 19. Jahrhunderts anordnet – da werden ideologische Fronten aufgebrochen.

Nach 18 Jahren haben Sie nun Ihre wegweisende Operngeschichte in fünf Bänden abgeschlossen. Welche Gefühle stellen sich ein, wenn man ein solches Mammutprojekt beendet hat?

Ein Gefühl großer Erleichterung: Ich habe es geschafft, nicht zuletzt dank verlegerischer Unterstützung! Einer musste es ja machen, ehe die Oper als ein oft genug subversiver Beitrag in der Entwicklung des abendländischen Menschen zum aufrechten Gang abgewürgt wird oder zur Häppchen- und Event-Kultur für die Profiteure des Turbokapitalismus verkommt.

Die Fragen stellte Ingmar Weber (Büchergilde Gutenberg)