Urtext und Avantgarde




Ein falscher Ton in der „Neunten”? Undenkbar. Beethovens Symphonien gehören doch zum musikalischen Standardrepertoire auf der ganzen Welt. Und dennoch: Noch heute spielen viele Orchester Beethovens Symphonien aus Notenausgaben mit Fehlern, die sich seit Beethovens Zeiten überliefert haben.
Hier beginnt die Aufgabe eines Musikverlages wie des Kasseler Bärenreiter-Verlages, der es sich zum Ziel setzt, für die Musiker Notenausgaben bereitzustellen, die der Absicht des Komponisten möglichst genau entsprechen. „Urtext” lautet das Stichwort. Dazu muss ein Herausgeber gefunden werden, der sich in Archive und Bibliotheken begibt und aus zahlreichen Quellen diesen „Urtext” erschließt. Gerade im Falle der „Neunten” ist dies ein langwieriger Prozess. An die 20 Quellen haben sich erhalten: Handschriften, Abschriften, Vorlagen für den Notenstich, Erstdrucke, Einzelstimmen. Jonathan Del Mar, der englische Herausgeber der Beethoven-Edition bei Bärenreiter, hat sie alle in den Händen gehabt und untersucht. Das Ergebnis seiner akribischen Arbeit ist eine Partitur, mit der ein Dirigent anhand eines „Kritischen Berichts” nachvollziehen kann, wie jede einzelne Note auf das Papier gekommen ist. Natürlich heißt dies im Falle Beethovens nicht, dass man nun eine völlig neue Symphonie zu hören bekommt, doch den Kenner wird so manche Stelle aufmerken lassen. „You’ll hear the difference”, heißt ein Werbeslogan.

Der Bärenreiter-Verlag, dessen Gründer Karl Vötterle 1923 mit der Herausgabe von Liederblättern für die Wandervogel-Bewegung begonnen hatte, hat sich weltweit seinen Namen durch verlässliche Notenausgaben gemacht. Die Bereitstellung musikwissenschaftlicher Ergebnisse für Musiker ist untrennbar mit dem Namen Bärenreiter verbunden. Kaum ein großes Opernhaus, wo bei Mozarts „Zauberflöte” nicht Noten aus Kassel auf den Pulten liegen, kaum ein Chor, der Bachs „Weihnachtsoratorium” nicht nach der Bärenreiter-Ausgabe aufführt.
Doch das Verlagshaus setzt nicht nur auf die alten Meister. Das Engagement für zeitgenössische Musik war immer eine Konstante im Programm. Hugo Distler, Ernst Krenek und Günter Bialas verlegten ihre Werke in Kassel. Mit Manfred Trojahn, Matthias Pintscher und anderen haben die Verleger heute viele der begabtesten Komponisten an das Haus gebunden.

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