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Aktuelles
Vom Mitmachen zum Mitdenken
Die Kasseler Musiktage
bestehen seit 75 Jahren
Die Kasseler
Musiktage, die in diesem Jahr vom 30. Oktober bis zum 23. November stattfinden,
bestehen seit 75 Jahren.
1933 wurde das
Musikfest vom Arbeitskreis für Hausmusik gegründet. Die aus der Jugend- und
Laienmusikbewegung hervorgegangene Vereinigung, die dem Kasseler Bärenreiter-Verlag
und seinem Leiter Karl Vötterle nahestand, hatte es sich zum Ziel gesetzt, mit
den Musiktagen eine Veranstaltung ins Leben zu rufen, die ein Gegengewicht zur
aufkommenden politischen und kulturellen Gleichschaltung darstellte. „Stilechte
und vorbildliche Wiedergabe“, „eigenes Singen und Spielen“, „Einführungen in
neue Musik“ waren die wichtigsten Stichworte für das erste Programm im Herbst
1933. In den sechs Musiktagen bis zur kriegsbedingten Unterbrechung gewann das
Musikfest mit seinem programmatischen Spagat zwischen der Musik von Renaissance
und Barock sowie der gemäßigten Moderne von Distler, Pepping, Bornefeld und
anderen schnell an Anerkennung weit über Kassel hinaus.
Bei den ersten
Nachkriegsmusiktagen 1950 wurde diese Verknüpfung zunächst nahezu unverändert
beibehalten, ehe allmählich ein Wandel vom Mitmachen zum Mitdenken vollzogen
wurde. Seit 1970 wurde für jedes Jahr ein meist anspruchsvolles Thema formuliert,
das auch in Vorträgen und Symposien behandelt wurde. Neue Programmbereiche
kamen hinzu, wie die Reihe „neue musik in der kirche“, die avantgardistischer
Kirchenmusik ein Forum bot. Auch die Öffnung zu bisher gemiedenen Epochen wie der
Romantik wurde vollzogen, Uraufführungen bekannter Komponisten durch namhafte
Interpreten gehörten zum festen Bestandteil der Kasseler Musiktage. Der konzeptionelle
Gedanke wurde 2007 (Thema: „Lebenswelten – Kunstwelten“) wieder geschärft,
nachdem Dieter Rexroth die künstlerische Leitung übernommen hatte. Die Verlängerung
der Musiktage auf vier Wochen bescherte dem Festival zudem eine deutlich gesteigerte Aufmerksamkeit des Publikums. (1.9.2008)
.
Mehr: www.kasseler-musiktage.de/content/kasseler_musiktage/geschichte/
Süddeutscher
Meister
Bärenreiter
beginnt eine Gesamtausgabe von Johann Pachelbels Vokalwerken
Wer kennt
ihn nicht, den „Canon” des Barockkomponisten Johann
Pachelbel (1653–1706)? Bis
in die Popmusik und die Endlosschleifen der Kaufhausbeschallung hat es
das
Stück mit Ohrwurmqualität geschafft. Aber wer kennt noch
andere Werke des
Meisters, der in Regensburg Wien, Eisenach, Erfurt, Stuttgart, Gotha
und
Nürnberg wirkte? Organisten spielen gelegentlich seine Werke
für
Tasteninstrumente, aber sein großes Vokalschaffen ist kaum
bekannt. Dass sich
darin wahre Perlen barocker Kirchenmusik finden, wird die kritische
Ausgabe sämtlicher
Vokalwerke zeigen, die in elf Bänden bei Bärenreiter
erscheinen wird. Messen, Vokalconcerti,
Magnificats und Arien machen diesen umfangreichen und gehaltvollen
Werkkomplex
aus. Bis 2013 werden die Herausgeber Wolfgang Hirschmann, Thomas
Röder und Katharina
Larissa Paech die mehr als 60 Vokalwerke gesichtet und aufgrund der
erhaltenen
Quellen ediert haben. Bei Werken, wo dies sinnvoll ist, wird der Verlag
Einzelausgaben für die Praxis herausgeben und damit die
Wiederentdeckung eines
Komponisten möglich machen, der als einer der wichtigsten
Schöpfer von
Kirchenmusik um 1700 gilt.
Weitere
Infomationen
[20.6.2008)
Nach Rom
Villa Massimo-Stipendium für Charlotte Seither
Die
Komponistin Charlotte Seither wird für ein Jahr in der
italienischen Hauptstadt
leben und arbeiten. Sie bekommt ein Stipendium für einen
Aufenthalt in der
Deutschen Akademie Rom Villa Massimo für das Jahr 2009.
Die
Villa Massimo ist die bedeutendste Einrichtung zur
Spitzenförderung deutscher
Künstlerinnen und Künstler durch Studienaufenthalte im
Ausland. Die Stipendiaten
aus den Bereichen Musik, Literatur, Bildende Kunst und Architektur
werden im
Auftrag des Kulturstaatsministers des Bundes von einer Jury
ausgewählt.
Charlotte
Seither (* 1965) hat über viele Jahre mit erfolgreichen
Aufführungen auf sich aufmerksam gemacht. Besonderes Aufsehen
erregte in der jüngsten Zeit ihr neues Orchesterstück
"Essay on Shadow and Truth" für das BBC Symphony Orchestra
und für die Niederrheinischen Sinfoniker. Ihr Werkverzeichnis
umfasst Stücke für zahlreiche Besetzungen. (9.6.2008)
Welt-Wissen
Musik
Die MGG ist abgeschlossen
Wolfgang Amadeus Mozart,
sein Leben und sein Werk, sind
bestens dokumentiert: Fast hundert Seiten umfasst der ihm gewidmete
Artikel in
der „MGG”, der Musikenzyklopädie „Die Musik in
Geschichte und Gegenwart”, die
nun abgeschlossen ist. Wer diesen Artikel gelesen hat, ist auf der
Höhe der
gegenwärtigen Forschung.
Aber wer war Nicolas
Dubut? Nur sieben Zeilen widmen sich
dem „maître joueur d’instruments à
vent”, also einem Meister auf Blasinstrumenten
aus dem Paris des 17. Jahrhunderts, wenig im Vergleich zu Mozart, aber
genug,
um ihn als Moment der Musikgeschichte fortleben zu lassen. So spielt
sich die
größte Musikenzyklopädie der Welt zwischen Extremen ab,
buchähnlichen
Großartikeln und nur wenige Zeilen füllenden
Kleinbeiträgen. Nun ist das Werk
vollendet, das von 1994 bis 2008 im Bärenreiter-Verlag und im
Verlag J. B.
Metzler herauskam. Den neun Bänden des Sachteils folgten 17 des
Personenteils,
jeweils begleitet von einem Registerband. Den Schlussstein bildet ein
Supplementband.
Das ganze Wissen
über die Musik zwischen Buchdeckeln zu umreißen,
mit diesem ehrgeizigen Vorhaben sind die beiden Verlage angetreten.
Skeptische
Stimmen meldeten sich, als das Projekt angekündigt wurde: Das Buch
sei kein adäquates
Medium mehr, Wissen könne man besser in elektronischer Form
präsentieren, und
Deutsch sei ohnehin nicht mehr die Sprache der Musikwissenschaft. Doch
schon
nach wenigen Bänden stand fest, dass die MGG weltweit als
Standardwerk
anerkannt ist. Darin steht sie der ersten MGG nicht nach, die von 1949
bis 1986
in 17 Bänden erschien.
Mit Zahlen kann man die
Enzyklopädie nur ein Stück weit
erläutern. Imposant sind sie allemal. 29 Bände mit insgesamt
25.000 Seiten. Über
3.000 Autoren aus 55 Ländern haben Artikel zu 1.500 Sach- und
18.000
Personenstichwörtern verfasst. Die 29 voluminösen Bände
haben eine Länge von
fast zwei Metern und wiegen 43 Kilo.
Schwerer jedoch wiegt der
Inhalt. Was die Redaktion zusammen
mit dem Herausgeber Ludwig Finscher erarbeitet hat, erfüllt den
gestellten
Auftrag: Die MGG hält das Wissen über Musik fest, wie es sich
an der Wende zum
21. Jahrhundert darstellt. Und da die Zeiten enger Nationalismen
vorüber sind,
da die „abendländische” Perspektive längst einer
globalen gewichen ist, kann
man in den Bänden auf Weltreise gehen. Chinas Musik ist auf 36,
arabische Musik
gar auf 60 Seiten dargestellt. Die großen Themen der westlichen
Musik wie die
Symphonie oder das Streichquartett stehen gleichberechtigt daneben.
Außereuropäische Musikformen und Instrumente wie der Huayno
(ein Tanz der
Andenländer) oder die Kamānče (eine im Orient verbreitete Laute)
haben ihren
Platz ebenso wie der Walzer oder das Klavier.
In unserer Zeit wirkt die
MGG wie ein Fels in der Brandung.
Sie ist ein Beweis dafür, dass eine klare Konzeption der
Wissenssammlung in
gedruckter Form auch heute noch sinnvoll und erfolgreich sein kann.
Info: www.MGG-online.com
K U R Z T E X T
Die MGG ist
abgeschlossen, „Die Musik in Geschichte und
Gegenwart”, die größte Musikenzyklopädie der
Welt. Nach vierzehn Jahren und 29
Bänden ist das gewaltige Gemeinschaftsprojekt des
Bärenreiter-Verlags und des
Verlags J. B. Metzler beendet. Auf rund 25.000 Seiten haben über
3.000 Autoren
das gesamte Wissen von der Musik an der Schwelle zum 21. Jahrhundert
zusammengefasst
und recherchierbar gemacht. Schon seit den ersten Bänden ist die
Enzyklopädie
weit über das deutsche Sprachgebiet hinaus als Standardwerk
anerkannt. [21.5.2008]
Neuerer
mit Rückblick
Vor hundert Jahren wurde Hugo Distler geboren
Vor
hundert Jahren, am 24. Juni 1908, wurde der Komponist, Organist und
Chorleiter
Hugo Distler in Nürnberg geboren. Er studierte in Leipzig, ehe er
1931 Kantor
an St. Jakobi in Lübeck wurde. Nach kirchenpolitischen
Schwierigkeiten verließ
er 1937 die Hansestadt und wurde Dozent an der Hochschule für
Musik in
Stuttgart. 1940 ging er nach Berlin, wo er Leiter des Staats- und
Domchors und
Professor für Komposition und Orgel an der Musikhochschule wurde.
Als er 1942
zum Kriegsdienst eingezogen werden sollte, setzte er seinem Leben ein
Ende.
Hugo
Distler traf während seines Studiums in Leipzig bei Günther
Ramin (Orgel) und
Friedrich Högner (liturgisches Orgelspiel) auf Lehrer, die zu den
Vertretern
der „Orgelbewegung” gehörten. Ihre Spielpraxis auf den
historischen
norddeutschen Orgeln orientierte sich an einem klanglichen Ideal, das
man seinerzeit
für die Wiedergabe barocker Orgelmusik als angemessen einstufte.
Die Rückbesinnung
auf alte Klangideale übte einen entscheidenden Einfluss auf
Distler aus. So
entstanden 1932 seine ersten größeren Kompositionen für
Orgel, deren Entstehung
er auf eine „fruchtbare Auswertung des alten, barocken und
vorbarocken Klangideals
der Orgel und der ihm gemäßen Formtypen”
zurückführte. Heute zählen sie zu den
Repertoire-Klassikern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Mussten
sich Distlers Orgelwerke zunächst gegen gewisse kritische
Einwände durchsetzen,
so war das Echo auf seine Chorwerke nahezu einhellig positiv. Im
Zentrum der
Chormusik steht die Motette. Trotz teilweise hoher Ansprüche
strebt Distler im
größeren Teil seiner Chorwerke eine leichte
Ausführbarkeit an. Zu den aufführungstechnisch
anspruchsvolleren Werken gehören die neun Motetten der
„Geistlichen Chormusik”
op. 12, deren Titel auf Heinrich Schütz verweist. Hervorzuheben
ist der „Totentanz”
(1934), dessen Spruchmotetten zum Totensonntag auch szenisch
aufführbar sind.
Distlers
weltliche Chorkompositionen stehen seinen geistlichen
zahlenmäßig kaum nach. Überragend
ist das „Mörike Chorliederbuch”. Spätestens seit
der gefeierten Uraufführung
1939 in Graz galt Distler als einer der führenden Komponisten
Deutschlands.
Durch die differenzierte Rhythmik und lebendige Metrik wird eine
nachdrücklich
textausdeutende Chordeklamation bewirkt, die mitunter bis nahe an die
Rezitation heranreicht.
Aus
der kleinen Gruppe der Instrumentalwerke ist das „Konzert
für Cembalo und
Streichorchester” op. 14 am häufigsten auf den Programmen zu
finden. Mehrere
Wiederentdeckungen von verschollen geglaubten Autographen haben in den
letzten
Jahren das verfügbare Instrumental- und das Chorœuvre
Distlers erweitert. So
wurde sein frühes „Kammerkonzert für Cembalo und elf
Soloinstrumente” (1930-32)
publiziert und mit der „Musik zu Ludwig Tiecks Ritter
Blaubart” für kleines
Orchester (1940) seine einzige Komposition für die Bühne
vorgelegt. Sein
letztes dramatisch-oratorisches Projekt, „Die Weltalter”
(1939-42), zu dem
ebenfalls der vollständige Text von Distler existiert, gelangte
nur zu einer
fragmentarischen Ausführung. Von dem abendfüllenden Werk
liegen aber immerhin
vier Motetten für gemischten Chor mit Streichern vor, die zum 100.
Geburtstag
des Komponisten am 24. Juni 2008 in St. Jakobi Lübeck
uraufgeführt werden. [21.5.2008]
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