300 Jahre Bach-Kantaten
Bachs Kantaten haben Konjunktur. Ob zyklische Aufführungen, wie sie im Bach-Jahr 2000 von Sir John Eliot Gardiner mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists in ihrer großen »Pilgerfahrt« durch 14 Länder unternommen worden sind, ob die BBC, die in ihrem Radioprogramm ihren Hörern zu Weihnachten 2005 zehn Tage lang Bach rund um die Uhr bescherte, ob die neue Gesamteinspielung aller Kantaten Bachs von Ton Koopman und dem Amsterdam Baroque Orchestra, die nun in 22 Dreifach-CDs endlich vollständig vorliegt, oder die mittlerweile zahlreich publizierte Literatur allein zu diesem Werkkomplex: All diese Initiativen und Projekte dokumentieren eindrucksvoll die ungebrochene Aktualität und Attraktivität von Bachs Kantatenwerk in Konzerten, CD-Produktionen und Buchveröffentlichungen.
In letzter Instanz freilich erschließt sich die künstlerische Qualität von Bachs Musik erst über die Partituren beziehungsweise deren wissenschaftliche Ausgaben, die in den letzten gut 50 Jahren von in- und externen Mitarbeitern des Johann-Sebastian-Bach-Instituts in Göttingen und des Bach-Archivs in Leipzig als »Neue Bach-Ausgabe« erarbeitet worden und in über 100 Bänden im Bärenreiter-Verlag erschienen sind. Hier umfasst allein das Korpus der Kantaten 41 Notenbände mit einem jeweils separaten Kritischen Bericht, der minutiös Informationen zu Überlieferung und Quellenlage der einzelnen Werke gibt. Insgesamt 226 Kantaten (nebst einigen abweichenden Werkfassungen), so registriert das Bach-Werke-Verzeichnis, sind von Bach erhalten – von den acht frühen Werken der Vor-Weimarer Zeit über die 22 »Konzertmeister-Kantaten« und den beiden vollständigen Jahrgängen (und weitere spätere Kantaten) aus Leipzig bis hin zu den zahlreichen weltlichen Auftragswerken, die Bach zwischenzeitlich immer wieder komponierte: Huldigungsmusiken, mit denen etwa ein Regent zu seinem Geburts- oder Namenstag zu beglückwünschen oder eine akademische Festveranstaltung zu umrahmen war, Musik für Hochzeiten, Musik für Trauerfeiern, Musik für Feiern im höfischen Ambiente.
Der Werkbestand ist opulent, trotz großer Verluste. Nicht einmal die Hälfte der rund 50 nachweisbaren weltlichen Kantaten ist vollständig erhalten, komponiert hat Bach vermutlich noch viel mehr. Auch von seinen geistlichen Kantaten kennen wir wohl nur zwei Drittel: Carl Philipp Emanuel Bach nennt in seinem Nachruf noch »fünf Jahrgänge von Kirchenstücken, auf alle Sonn- und Festtage«, die der Vater hinterlassen habe. Etwa 100 geistliche Werke sind demnach verschollen.
Wenn es stimmt, dass Bach sein Probemusizieren in Mühlhausen Ostern 1707 mit der Kantate Christ lag in Todes Banden ablegte, wird die Neue Bach-Ausgabe ziemlich genau 300 Jahre nach Bachs frühest erhaltener Kantate fertig gestellt werden. Etwa gleichzeitig kommt sein Kantatenwerk, ergänzt durch seine Choräle und Motetten, in einer 19-bändigen Studienausgabe auf den Markt (Bärenreiter-Verlag, 11.220 Seiten, € 599,–). Das Stöbern darin macht Spaß, weil es so vieles zu entdecken gibt. Die wechselnden Besetzungen, die Bach abhängig von den Voraussetzungen am jeweiligen Standort disponierte, die Systematik, mit der er seine Kantaten-Jahrgänge produzierte, das Formenrepertoire und die Gestaltungsprinzipien, die der Komponist nach seinen frühen Werken im älteren norddeutschen Typus entwickelte und später nurmehr variierte. In ihnen sind die Einflüsse der Oper unverkennbar: Die Ergänzung des biblischen Berichts durch madrigalische Dichtungen, vertont in affektstarken Arien, bedeutete einen Tribut an den säkularen Geschmack, den rigoristische Theologen unweigerlich als Affront empfinden mussten. Immerhin hatte sich der neue Thomaskantor bei Dienstantritt verpflichten müssen, seine Musik so einzurichten, »dass sie nicht zu lang währe und nicht opernhaftig herauskomme, sondern die Zuhörer zur Andacht aufmuntere«.
Freilich war Bachs Musik nichts weniger als ketzerisch. Ungeachtet der Befürchtung des konservativen Klerus, dem Komponisten sei an Unterhaltung und Zerstreuung mehr gelegen als an Predigt, Belehrung und Besinnung, sind seine Kantaten vielmehr musikalische Kommentare, die nicht nur einer religiösen Stimmung verstärkten Ausdruck verleihen, sondern die theologischen Inhalte des Gottesdienstes auf einer zweiten Ebene deuten und so in gewisser Hinsicht selbst zu Predigten werden.
»Soll die Musik verderben, die uns so großen Nutzen gab?«, fragt der Textdichter von Bachs Hochzeitskantate O holder Tag, erwünschte Zeit. Wir wollen es nicht hoffen, zumal angesichts der Erkenntnis, die in der anschließenden Arie formuliert wird: »Nichts kann dich so sehr ergötzen als der süßen Töne Kunst«.
Sven Hiemke